Samstag, 7. November 2009

Review-Special: Bestandsaufnahme November 2009

Manchmal bleiben bei all dem Alltagsstress für manche Sachen keine Zeit: Den musikalischen Horizont zu erweitern, zum Beispiel. Und darüber zu schreiben. Dürfte eigentlich nicht sein - und deswegen gibt es ab sofort ein weitere Review-Special-Reihe, diesmal als genreübergreifendes Mash-Up und ab sofort unter dem Motto "Bestandsaufnahme", hier: November 2009.

Den Anfang machen die beNUTS, die mich schon länger begleiten und die nach 15 Jahren Bandgeschichte mit "Shut Up An Dance" (GLM / Soulfood) bereits ihr siebtes Studio-Album vorweisen können. Und immer wieder erstaunlich, dass man beim Durchhören der vierzehn Ska-Kracher an alles denkt, aber nicht unbedingt an eine Combo aus München. Aus München! Und diesmal ist der Effekt ganz besonders: Denn für das neue Album haben die beNUTS ihren Sound vollends internationalisiert. Nicht weniger als acht Sprachen haben ihren Weg ins Songwriting gefunden, und auch so ist der Sound nochmal aufgeweitet worden: Vom reinen Ska-Gehüpfdohle war die acht-köpfige Formation zum Glück eh schon längst weit entfernt und hat nun ihrem Sound noch mit Jazz, Rock, Folk, Polka und Punkrock einen spannenden, etxtrem tanzbaren letzten Schliff gegeben. Worldmusic-Ska also irgendwie - und damit dürfen sich beNUTS nicht nur mit dem Titel der "besten deutschen Ska-Band" (DRMV) schmücken, sondern können sich ohne Zweifel auch als "internationalste Ska-Band der Welt" bezeichnen. Da gebe ich der Promo-Info recht, ebenso wie man mit dem neuen Album getrost dessen Titel "Shut Up An Dance" als Motto nehmen und unaufgefordert Folge leisten kann.

Vollkommen neu sind mir dagegen Marvins Revolt aus dem schön-weiten Ländchen Dänemark, das sich offensichtlich seinem skandinavischen Nachbarn Schweden annähert - zumindest was die wohl bei der Geburt besonders kräftig ausgeprägten musikalischen Rock-Adern angeht. Ihr bereits drittes Studio-Album "Patrolling The Heights" (Play/Rec / Cargo) ist nämlich ein Rock-Album im positivsten Sinne: dichter und kräftiger Sound, mit der richtigen Mischung aus Melodien und - das ist besonders lobenswert - einem etwas noisigen Ansatz, der hier und da mal ausbricht, sich in Sound-Landschaften verfranst und dann in rohes aber geordnetes Chaos mündet. Hört sich im ersten Moment schwer nach Prog- und Post-Rock anhört. Und wem sich bei diesen Begriffs-Schubladen die Zehennägel aufrollen, der macht mit Bands wie Marvins Revolt alles richtig: Moderner, innovativer und spannungsgeladener Rock. So einfach kann das manchmal sein - und aus Dänemark.

Und wenn wir grad schon in der Post- und Prog-Rock-Schublade kramen und rumräumen: Da passen nämlich IRA mit ihrem zweiten Album "Visions Of A Landscape" (Golden Antenna / Brokensilence) gleich zweimal rein. Und auch sonst fügt sich die Münsteraner Combo einwandfrei ins Bild des gepflegt-sperrigen Breitwand-Rocks. Die im Genre einschlägig bekannten und allseits zitierten Hardcore- und Punk-Wurzeln, höre ich zwar auch in diesem Fall nicht wirklich raus (ein Phänomen das mir weiterhin zu denken gibt), aber das ist ja auch zweitranging. Denn in erster Linie machen IRA groß angelegten, epischen Rock - die Spielzeit von fast einer Stunde bei sechs Tracks belegt diese These -, der mal ausufernd aber nie überfordernd den Hörer in den Bann zieht. Melancholisch, fragmentartig, zurückhaltend mit Vocals, schaffen die Songs genau das was der Titel "Visions Of A Landscape" als Soundteppich verspricht: Pathetischer, atmosphärischer Rock mit der Ehrlichkeit der Melodie und dem Anspruch, mit der kreativen Weitläufigkeit den Hörer mitzureißen und nicht zu überfordern. Und das ist absolut gelungen.

Wer dagegen seine Hardcore- und Punk-Phase gar nicht erst überwinden und weiterverarbeiten muss, sind die Jungs von Landmines aus Richmond (VA) - die stecken nämlich mitten drin und scheinen sich dabei auch sehr wohl zu fühlen. Ganz in der Tradition von Genre-Helden wie Strike Anywhere oder Avail schlägt ihr selbstbetiteltes Debütalbum (Gunner Records) schon mit den ersten Takten ein und lässt schnell klar werden, wie der Hase läuft: Treibende Gitarren, knallende Drums, catchy Melodien, markige Vocals und Shouts im Refrain. Schnell, hart und auf den Punkt. So muss es sein und beweist einmal mehr, dass Amerika immer noch die Nase vorn hat in der anhaltenden Bandflut des klassischen Hardcore/Punks. Besonders zu empfehlen ist das Album aber nicht nur aufgrund seines hervorragenden Sounds - produziert wurde es von Brian Mc Terran (Hot Water Music, The Loved Ones u.a.) - sondern auch, weil es zum eigentlichen Debütalbum noch eine EP oben drauf gibt. 18 Songs auf einer CD, was will man zur Zeiten der Wirtschaftskrise mehr? Eben. Und genau deshalb machen Landmines gleich noch mehr Spaß: Leidenschaftlicher, roher und ehrlicher Hardcore-Punkrock in Überlänge. Mehr davon!

Etwas vom Gaspedal gehen dafür For Arkadia, die mit ihrem ebenfalls selbstbetitelten Debütalbum (Millipede Records /Broken Silence) ein Musikstil-Hopping der gelungenen Art hinlegen. In erster Linie Rock, aber irgendwie auch nicht. Denn die (im Sinne ihres Gründungsdatums) junge Band aus dem musikalisch zwar kreativem aber bandmäßig doch eher frugal ausgestattetem Raum Nürnberg/Fürth kombiniert wild aber mit Verstand Wave, Noise und Post-Rock-Anleihen zu einem prachtvollen Indiepop-Mash-Up der sich gewaschen hat. Um es griffiger zu machen und zum Schubladeneinordnen nennt uns die Label-Info Bands wie Girls Against Boys, Interpol oder die frühen U2. Mag zutreffen, ist aber auch eher irreführend. Zu speziell-eigensinnig ist der Sound der vier Herren aus Nürnberg. Zu sechs Songs (die es auf immerhin fast eine halbe Stunde Spielzeit bringen) hat es auf deren Debüt gereicht - leider, muss man fast sagen: Denn selten haben sich ein paar Songs so kraftvoll und spannend zwischen Geschrammel und großen Rock-Posen entwickelt wie bei For Arkadia. Und das meine ich nicht etwa allein aus lokalpatriotischen Motiven heraus. Nein, ich bin einfach gespannt wie weit es für For Arkadia geht. Denn die Grundvoraussetzungen sind schon mal hervorragend.

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